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Dieser Film ist noch nicht zu Ende (erzählt)

Volker Schlöndorff zur Premiere von „Der Waldmacher“ im Casablanca Kino Oldenburg

Von Barthel Pester, April 2022

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Volker Schlöndorff stellt seinen ersten Dokumentarfilm in Oldenburg vor. Toni Rinaudo, der Waldmacher, den er in diesem Film vorstellt – ein aus Australien stammender Agraringenieur – hat einen Weg gefunden, in Afrika Bäume auch in den unwirtlichsten Gegenden wachsen zu lassen.

Volker Schlöndorff in Oldenburg

Jugendlich für sein Alter geht er entschlossen die Stufen hoch und steht auf der Bühne des Kinosaals vor den samtenen roten Vorhängen. Er trägt die glatte schwarze Lederjacke, die ihn seit Jahren begleitet, weiße Sneaker an den Füßen vervollständigen den äußeren Eindruck einer gewissen Alterslosigkeit dieses Regisseurs. Sein Publikum im ausverkauften Kinosaal begeistert Volker Schlöndorff mit wenigen Sätzen: „Als ich jung war, war mein Publikum jung. Jetzt bin ich alt und Sie sind auch alt. Sie sind die gleichen geblieben wie ich.“ Zustimmendes Gelächter von den Plätzen, gebettet in Erleichterung.

International anerkannt ist Schlöndorff seit der Goldenen Palme der Filmfestspiele von Cannes 1979 für den besten Film mit „Die Blechtrommel“ von Günther Grass. 1980 ist die Literaturverfilmung als „Bester fremdsprachiger Film“ sogar mit dem Oscar ausgezeichnet worden.

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Sein Besuch im Casablanca Kino in Oldenburg gilt einem anderen Genre: Volker Schlöndorff stellt sein erstes Film-Essay vor: „Der Waldmacher“. Seinen ersten Dokumentarfilm. Im Gespräch mit seinem Publikum wird er nach der Filmvorstellung sagen, dass er gar kein Dokumentarfilmer ist.

„Der Waldmacher“ heißt Tony Rinaudo, stammt aus Australien, ist Agrarwissenschaftler von Beruf und seit den frühen 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Niger im westlichen Afrika, um die wachsende Ausbreitung der Wüsten und das Elend der Bevölkerung zu bekämpfen. Schlöndorff lernt Rinaudo in Berlin kennen, nachdem dieser 2018 mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt wurde.

Rinaudo hatte einen Weg gefunden, Bäume in den unwirtlichsten Gegenden wachsen zu lassen, indem er die noch lebenden Baumstümpfe und Wurzeln aktivierte und damit die Lebensgrundlage von Tausenden von Kleinbäuer:innen in Afrika sicherte. Seine Methode mit dem 'unterirdischen Wald' zu arbeiten, nennt er "Farmer Managed Natural Regeneration" und sie stellt nicht nur den Boden, sondern auch Würde und Hoffnung der Menschen wieder her. Der "Chief of all Farmers", wie er heute in vielen Dörfern liebevoll genannt wird, musste sich die Akzeptanz seiner Ideen hart erkämpfen.

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Tony Rinaudo - Foto ©WorldVision

Ein afrikanisches Sprichwort besagt, wer einen Baum gepflanzt hat, hat nicht umsonst gelebt. Volker Schlöndorff entschied recht schnell, Tony Rinaudo filmisch zu begleiten. Ein Drehbuch hatte der Filmregisseur und Filmproduzent nicht geschrieben, als er den Agrarwissenschaftler monatelang in mehreren Ländern Afrikas mit einer Kamera begleitete. Ein Filmteam buchte Schlöndorff jeweils vor Ort, so dass er selber auch im Film zu sehen ist, wie er dreht und Fragen stellt.

Dokumentationen, die sich mit Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen auseinandersetzen, sind so gefragt wie nie. Naturfilme sind beim deutschen Publikum seit Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann von jeher sehr beliebt. Doch die unbequemen Wahrheiten über den Zustand unseres Planeten haben das Genre erweitert. Aktuell sind auf dem afrikanischen Kontinent knapp 350 Millionen Menschen (Quelle: Rotes Kreuz) mit einer Krise der Ernährungssicherheit bedroht. Die Abhängigkeit afrikanischer Länder wie u.a. Südsudan und Äthiopien von Weizenimporten aus Russland und der Ukraine tritt aktuell in den Fokus der Öffentlichkeit. Volker Schlöndorff fällt dazu „hirnrissige Globalisierung“ ein und fragt sein Publikum: „Wer fängt den Besen des Hexenmeisters ein?“

Eine bemerkenswerte Aussage für jemanden, der sich jahrelang für Angela Merkel ausgesprochen hat. Globale Abhängigkeiten entzaubern sich scheint‘s nur angesichts existenzieller Krisen. Schlöndorff nimmt dann auch noch Günther Grass zu Hilfe, den er im Kinosaal mit „der Fortschritt ist eine Schnecke“ altersweise zitiert. Überhaupt bedient sich der Film nur in wenigen Momenten aus der exotischen Mottenkiste. Kein magischer Kitzel für die Schaulust postkolonialer Afrika-Enthusiasten liegt in Schlöndorffs Interesse. Drei Filmemacher:innen aus Ghana, der Elfenbeinküste und aus dem Senegal belegen mit eigenen Filmsequenzen wirtschaftliche Dilemmata dieser Staaten.

Laurene Manaa Abdallah zeigt die schwierige ökonomische Situation einer jungen Mutter im ländlichen Raum, deren landwirtschaftliche Produkte nicht immer für die schulische Bildung ihrer Kinder ausreichen. Wie uralte Bäume zu Holzkohle zum Grillen verschachert werden veranschaulicht Alassane Diago. Und Idriss Diabaté weist daraufhin, dass die traditionellen Grundnahrungsmittel wie Hirse und Sorghum durch gentechnisch veränderten Mais verdrängt worden sind. Die Bevölkerung ist durch diesen Mais gesundheitlich sehr viel anfälliger geworden und muss darüber hinaus jedes Jahr Saatgut von der Industrie kaufen. Da sind wir wieder bei Schlöndorffs „hirnrissiger Globalisierung“.

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Der vor allem für seine Verfilmungen von Literatur bekannte Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent hatte mit der Bewahrung der Schöpfung in den letzten Jahrzehnten wenig bis gar nichts zu tun. Das ist einerseits natürlich schade, in „Der Waldmacher“ taucht auch kein einziges Mal das Wort „Klimakrise“ auf oder zumindest „Klimawandel“ auf, doch Schlöndorff ist auf eine erstaunte und unbekümmerte Art betroffen vom Zustand dieses Teils dieser einen Erde und der damit verbundenen miserablen Situation der dort lebenden Menschen. Erst durch diesen Film und den im Mittelpunkt stehenden Protagonisten Tony Rinaudo scheint ihm aufzugehen, dass „dieser Film gemacht werden musste“.

Fotos: Casablanca

Diese inhaltliche Ausdehnung ist ein sympathischer Zug des gebürtigen Wiesbadeners. Dass er beim Abschied aus dem Casablanca seinem Publikum lässig zuwinkt macht ihn noch nahbarer. Und Tobias Rossmann, dem Geschäftsführer des Casablanca Kinos raunt er noch zu: „Grüße deinen Vater von mir“.


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