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„Das kann Lokaljournalismus“
Lars Reckermann, Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, in der OBS Borssum | Politische Medienkompetenz I
Der 9. Jahrgang der OBS Borssum fragt nach einem kompetenten Umgang mit Medien und hat im Projekt mit Werkstatt Zukunft Gäste, die nicht jeden Tag in die Schule kommen.
Shitstorm wegen eines fehlenden „r“
Lars Reckermann hat Gespür für sein Publikum. An welchem Punkt holt er es ab? An diesem Vormittag im neunten Jahrgang in der OBS Borssum ist es ein Tippfehler. Auch noch ein banaler. Ein Flüchtigkeitsfehler, der Hektik des redaktionellen Alltags geschuldet. Blöde, nicht zu entschuldigen, und dann auch noch in der Überschrift. Doch wo Menschen arbeiten, geschehen Fehler. Die Reaktionen im Netz sind völlig überzogen: „Ich sag’s ja, Lügenpresse“, „zu blöd zu schreibe“, „Wechsel den Job du Idiot“ und in der Qualität und dieser Rechtschreibung geht es munter weiter. Wegen eines Tippfehlers.
Dergestalt kommt der Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung (OZ) prima ins Gespräch mit den Neuntklässler:innen. Von ihnen liest niemand eine Zeitung. Print? Genau. Fernsehen? Nee. Die Ostfriesen-Zeitung gibt’s immerhin seit 1949. Ihre Vorläufer reichen zurück bis 1848. Im Jahr 2026 ist sie nach wie vor eigenständig. Das ist bemerkenswert.
Und diese Ostfriesen-Zeitung ist natürlich seit vielen Jahren mehr als „nur“ eine gedruckte Tageszeitung (gedruckte Auflage zwischen 23.000 und 25.000 Exemplaren). Es gibt sie online als E-Paper, sie hat einen Onlineauftritt, Podcast, TV und wie die Formate alle heißen. So weit so normal. Doch wie erreicht sie junge, jüngere Menschen?
Der begeisterte Lokaljournalist Lars Reckermann versucht es mit einer Reise nach Yad Vashem , der Internationalen Holocaust Gedenkstätte in Jerusalem. Er berichtet live von dieser Reise bei Insta und Facebook, er schreibt einen Blog im Onlineauftritt der OZ, er macht Fotos und er dreht mit seinem Smartphone kurze Videos. Kurz, er legt sich in diesen Tagen mächtig ins Zeug – für seine Leser:innen. Das Ergebnis ist inhaltlich umfangreich, die Leser:in lernt neue Menschen kennen, einen sehr besonderen Ort auf diesem Planeten und auffallend viele bedächtige, wenn nicht sogar andächtige Stimmungen. Auch das kann Lokaljournalismus. Jeden Tag. Rund um die Uhr. Unverzichtbar, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

Politische Medienkompetenz
In die breite Diskussion gebracht wurde der Begriff „Politische Medienbildung“ durch ein Positionspapier der Landeszentralen für politische Bildung. Das Papier skizziert die Relevanz von (digitalen) Medien für die politische Bildungsarbeit und setzt sich mit den Schnittpunkten zwischen einzelnen Dimensionen von politischer Kompetenz und Medienkompetenz auseinander | Positionspapier
Die Heinrich-Böll-Stiftung hat dazu im September 2025 folgendes formuliert: Medien schaffen Öffentlichkeit und über diese Öffentlichkeit können wir Gesellschaft erfahren und im besten Falle auch mitgestalten. Denn Medien sind sowohl Mittler von Welt(-geschehen) als auch Mittel, um das Weltgeschehen (auch in lokalen Zusammenhängen) zu beeinflussen. Wie diese medialen Öffentlichkeit(en) gestaltet sind, was dort veröffentlicht werden kann (und was nicht) und inwiefern uns diese als Bürger:innen zugänglich sind, das waren schon immer wichtige politische Fragen.
Wie informieren sich junge Menschen?
Die digitale Gesellschaft mit ihrer Medialität und Schnelligkeit und ihren Chancen auf Teilhabe im sozialen Raum stößt neue Begehrensdynamiken an: die industrielle Durchökonomisierung privater Wünsche und Interessen durch die Tech-Oligarchie. Influencer setzen neue Maßstäbe, die in eine entgrenzte Konsumkultur, für die es nur noch Diversifizierungen und Differenzen der Produktpalette, aber keine Alternativen mehr gibt, münden.
Der digitale Raum ist für junge Menschen ohne Anleitung nicht zu bewerten. Zum Beispiel verklärt Populismus die Lüge zum legitimen Werkzeug politischer Auseinandersetzung. Und: Migration und Flucht sind zwei alte Bekannte der Menschheit, zwei wesentliche Triebfedern ihrer Geschichte, und neuerdings zwei Hauptwörter in den politischen Kämpfen und ideologischen Kriegen des 21. Jahrhunderts im digitalen Raum. Stichwort Unsoziale Medien.
Oder: Der Klimawandel erleidet seit ein paar Jahren einen politischen Bedeutungsverlust diametral zu seinen steigenden Auswirkungen. Dem Nachhaltigkeitsthema ergeht es ebenso: Lange haben soziale Bewegungen weltweit propagiert, dass weniger Konsum, weniger Tempo und eine stärkere Konzentration auf das Kleine und Lokale mehr Erfüllung bringen würden. "Small is beautiful!", klingt mittlerweile wie ein Ruf aus ferner Zeit. Denn Ökoorientierung bedeutet auch Begrenzung. Und Begrenzung ist das Letzte, was heutzutage der Populismus auf dem Programm hat.
Jetzt ist es so, dass sämtliche klassischen Parteien im 21. Jahrhundert nicht mehr oder nicht mehr richtig funktionieren. Das liegt daran, dass die Welt sich verändert hat, die historisch gewachsene Nutzung Fossiler Energie zerstört inzwischen die planetarischen Lebensgrundlagen, die geopolitische Situation ist eine völlig andere, die globalisierte Wirtschaft sortiert Macht und Wohlstand neu. In dieser Situation ist eine Partei als alternative Anti-Establishment-Partei durchgestartet, und das ist die AfD. Ihre Geschäftsbasis ist das Verstärken von Misstrauen gegen die Bundesrepublik und ihre Institutionen.

Durch die Digitalisierung hat sich selbstverständlich auch der Journalismus verändert. Toxische Praktiken wie „rage bait“, die nicht wenige Medienhäuser anwenden, um in Zeiten sozialer Medien auf einem immer umkämpfteren Markt zu überleben, also Inhalte publizieren, die gezielt Wut oder Empörung auslösen, sind heutzutage leider Alltag. Und auch die aktive Rolle gerade der Bild-Zeitung liegt darin, die gesellschaftliche Spaltung voranzutreiben und Positionen rechtsextremer Kräfte wie der AfD salonfähig zu machen. Journalistische Sorgfaltspflicht? Drauf gepfiffen. Pressekodex? Was ist das denn.
Und in dieser Welt sollen sich junge Menschen orientieren (können)? Politische Medienkompetenz ist kein Schulfach. Die Informationsräume junger Menschen sind gänzlich andere als noch vor zehn, 20, 30 Jahren. Die analoge Zeitung verschwindet nach und nach aus den Haushalten. Die Tagesschau der ARD und das ZDF heute-journal sehen immer älter werdende Menschen.
Werkstatt Zukunft geht es in diesem Projekt darum, die Kritik- und Urteilsfähigkeit junger Menschen im Umgang mit Desinformation und digitaler Propaganda zu stärken. Dafür haben wir an mehreren Workshoptagen unterschiedliche Zugänge mit verschiedenen Perspektiven gelegt: Ein Gespräch mit Odilie Ricken, Stadtjugendpflegerin der Stadt Emden, Dennis Asseng, zuständig bei der Stadt Emden für Kinder- und Jugendschutz, dem Landtagsabgeordneten Matthias Arends und dem Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, Lars Reckermann.
Unser Projekt „Swipe – Klick – Think | Junge Menschen für Medien und Demokratie begeistern“
Diese Videos aus unserem Projekt sind fertig. Weitere folgen in Kürze.
„Das kann Lokaljournalismus.“ Der 9. Jahrgang der OBS Borssum fragt nach einem kompetenten Umgang mit Medien und hat im Projekt mit Werkstatt Zukunft Gäste, die nicht jeden Tag in die Schule kommen. Heute ist dies Lars Reckermann, Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung. März 2026 | Themenseite
Gefördert durch

Unser Projekt „Swipe – Klick – Think | Junge Menschen für Medien und Demokratie begeistern“
wird gefördert durch die Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung | Website
junge demokratie-werkstatt

In der jungen demokratie-werkstatt fassen wir unsere Projekte zu Medien- und Demokratiebildung zusammen. Oft sind dies kleinere Projekte, die von unterschiedlicher Seite gefördert werden und uns aus aktuellem Anlass besonders am Herzen liegen. Alle Videos findet ihr in unserer Mediathek auf der Themenseite | Mediathek
Die Sendereihe
Werkstatt Zukunft produziert monatlich eine TV-Sendereihe, die bei Oldenburg eins und bei weiteren Bürgersendern ausgestrahlt wird. Über unsere Website und unseren YouTube-Kanal sind unsere Videos zeitlich und räumlich unbegrenzt zu sehen.
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Werkstatt Zukunft ist eine Initiative der Zivilgesellschaft im Nordwesten in Zusammenarbeit mit Oldenburg eins und weiteren Bürgersendern, mit Schulen, Kultur- und Bildungseinrichtungen und vielen weiteren Partner:innen.

