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Vom Leid in Israel und Palästina
“No Other Land“ – Misereor im Gespräch mit Daniel Shenhar, israelischer Menschenrechtsanwalt von HaMoked
Peter Meiwald und Leonie Craes im Gespräch mit dem israelischen Menschenrechtsanwalt Daniel Shenhar von der Organisation HaMoked, die sich seit 1988 für Menschenrechte in Israel und Palästina einsetzt. Das Gespräch fand statt aus Anlass der Filmvorführung mit Diskussion in der vhs Oldenburg von “No Other Land“, einem israelisch-palästinensischen Dokumentarfilm, der mit dem Oscar für die beste Dokumentation ausgezeichnet und trotzdem in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen wurde.
No Other Land
Der palästinensisch-israelische Dokumentarfilm “No Other Land“ wurde bei den 97. Academy Awards 2025 als bester Dokumentarfilm mit einem Oscar ausgezeichnet. Der Film dokumentiert die Vertreibung von Palästinenser:innen im Westjordanland und wurde bereits 2024 auf der Berlinale prämiert. Das Werk entstand unter der Regie eines Teams aus Palästinensern und Israelis.
Die Geschichte dahinter ist die: Der Palästinenser Basel Adra und der israelische Journalist Yuval Abraham wandten sich 2019 gemeinsam an das Bischöfliche Hilfswerk Misereor mit der Bitte um eine finanzielle Unterstützung für eine Filmkamera, um die Vertreibung der Menschen aus Masafer Yatta, einer Sammlung von kleinen Dörfern südlich von Hebron im Westjordanland über einen längeren Zeitraum dokumentieren zu können. Basel Adra und Yuval Abraham dachten an eine überschaubere Öffentlichkeit und nie und nimmer daran, über einen Oscar nahezu die Weltöffentlichkeit zu erreichen.
West Bank, Westjordanland, A-, B-, C-Gebiete
Das Tragische an “No Other Land“: Er ist der vergessene beste Dokumentarfilm. “No Other Land“ gewinnt einen Oscar, aber nicht die Aufmerksamkeit der Medien. Dabei könnte Journalismus alles benennen, was in Nahost geschah und geschieht. Der Eindruck drängt sich auf: strukturelle Rückgratlosigkeit, Staatsräsonjournalismus. Es wird nur der Teil der Wirklichkeit vermeldet, mit dem man oben keinen Ärger bekommt. Dabei könnte Journalismus alles benennen, was im Hamas-Israel-Komplex geschah und geschieht.
Alles melden, belegen, zeigen: die Verbrechen der Hamas und die Verbrechen Israels. Die Toten, Versehrten, Gefolterten. Die Einschüchterungsversuche der Hamas-Propaganda mit ihren Dreiecken und Boykottaufrufen und die Angst der deutschen Politik vor den Anrufen des israelischen Botschafters. Den Einsatz des Antisemitismusbegriffs zur Einschüchterung politisch unliebsamer Gruppen und den in der linken Szene weit verbreiteten Antisemitismus. Nicht unterkomplex das Ganze.
HaMoked – Zentrum für die Verteidigung des Individuums
Im Zuge der Filmvorführung von „No Other Land“ in der VHS Oldenburg haben sich zwölf zivilgesellschaftliche Organisationen vorgenommen, diese komplexe Situation im Westjordanland von verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Dazu hat Werkstatt Zukunft ein Interview mitinitiiert, das Peter Meiwald, Vorsitzender der Europäischen Föderalisten Oldenburg, moderiert. Seine beiden Gesprächspartner:innen sind Leonie Craes, Länderreferentin für den Nahen Osten bei Misereor und Daniel Shenhar, israelischer Menschenrechtsanwalt bei HaMoked.
HaMoked ist eine von vielen Menschenrechtsorganisationen in Israel, die sich für die Rechte palästinensischer Menschen in der West Bank engagiert. Seit 1988 setzt sich HaMoked für die Einhaltung internationaler völkerrechtlicher Standards durch den israelischen Staat ein. Die Organisation sieht es als ihre Mission an, menschenrechtliche Verstöße klar zu benennen und Opfer dabei zu unterstützen, ihre fundamentalen Rechte geltend zu machen. Seit seiner Gründung hat der Misereor-Partner HaMoked in über 100.000 Fällen gerichtliche Beschwerden gegen diskriminierende Maßnahmen des Staates begleitet.
Im Folgenden lesen Sie bitte die Eingangsbetrachtung von Klaus Hagedorn von Pax Christi für diesen Filmabend, einem der zwölf Träger.
Klaus Hagedorn, Pax Christi
Unsere Veranstaltung heute ist überlagert durch neue heftige Eskalationen im Nahen Osten. Und sie werden auf unseren Abend abfärben. Mir sind die unfassbar hohen Zahlen von getöteten Menschen vor Augen. Mir ist wichtig, heute zu Beginn, daran zu erinnern. Sie berühren mich. Täglich werden wir durch die Nachrichten zu Zeugen des Geschehens. Man kann nicht über diese toxische Gewalt durch Terror und Krieg und all die Geschehnisse und Zusammenhänge sprechen, ohne an die Opfer zu erinnern: die Getöteten, auch an die vielen Verwundeten und Traumatisierten.
Es geht heute Abend nicht um diese aktuellen Eskalationen und ihre Folgen und Verhandlungen. Es geht heute Abend um die Lebenskontexte und die Alltagserfahrungen von Menschen in der Westbank, im sog. Westjordanland, und dies seit Jahrzehnten. Das zu verurteilende ungeheure Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und die unvorstellbar zerstörerische Kriegsführung der israelischen Regierung in Gaza - sie haben das in den Hintergrund geschoben.
Entscheidend ist zu fragen: Welchen Stimmen schenken wir unsere Aufmerksamkeit. Haben wir ein Ohr für die konkret Betroffenen vor Ort – auf allen Seiten!?
Wir erleben, wie Bemühungen um Frieden und Verständigung, um ein besseres Leben auf beiden Seiten durch Gewalt und Terror bedroht werden, auch bei uns. Unvorstellbare Wunden werden geschlagen. Wir sehen einen toxischen Kreislauf von Rache und Vergeltung, der mit jeder Runde brutaler und verbrecherischer geworden ist und der Menschenrecht und Völkerrecht bricht und Menschenwürde mit Füßen tritt.
Wir aus zwölf Institutionen und Organisationen der Oldenburger Zivilgesellschaft wollen davor die Augen nicht verschließen. Wir wollen an die Betroffenen, die Opfer und Leidenden auf palästinensischer und auf israelischer Seite erinnern und sie in den Blick rücken. Wir wollen uns den menschlichen Preis der Gewalt vor Augen halten. Wir wissen um eine Brisanz solchen Vorhabens – auch in unserer Stadt.
Deshalb will ich drei Dinge deutlich sagen – im Namen aller Mitträger des heutigen Abends:
Ein erstes: Wir engagieren uns gegen Gewalt, gegen Diskriminierung und gegen jegliche Form von Rassismus. Wir führen diesen Abend heute durch, weil wir die Teile der palästinensischen Zivilgesellschaft und die Teile der israelischen Zivilgesellschaft stärken wollen, die für Verständigung, für Entfeindung, für Befreiung von Gewalt eintreten. Wir wollen diejenigen unterstützen, die sich dem Hass und der Logik von Vergeltung und Rache entgegenstellen. Wir sind auf der Seite derer, die sich mit gewaltfreien Mitteln für einen gerechten Frieden und für ein Leben in Würde und Sicherheit für all die in Israel und den palästinensischen Gebieten lebenden Menschen einsetzen.
Ein zweites: Wir wollen Stimmen von israelischer Seite und Stimmen von palästinensischer Seite zu Wort kommen lassen und ihnen zuhören; es sind Personen, die sich für einen gerechten Frieden und gegenseitige Anerkennung engagieren. Wir sind überzeugt: Solche Stimmen brauchen Orte und Zeiten, um uns Anteil zu geben an ihren konkreten Lebenserfahrungen.
Ein drittes: Wir alle aus den zwölf Mitträger-Organisationen stehen unnachgiebig gegen Antisemitismus auf. Wir wollen jüdisches Leben in unserer Stadt und überall mitschützen – und tun dies aus der Grundhaltung heraus, die von der unantastbaren Würde eines jeden Menschen überzeugt ist. Wir machen bei allen Äußerungen eine klare Unterscheidung zwischen der israelischen Regierung und der Bevölkerung Israels sowie den Menschen jüdischen Glaubens. Kritik an der Politik Israels ist für uns nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen.
Kritik vor dem Hintergrund der Menschenrechte und des humanitären und internationalen Völkerrechts ist per se kein Antisemitismus. Es besorgt uns, auch hier in unserer Stadt manchmal festzustellen, dass kritische Äußerungen und Informationen mit Blick auf die Einhaltung des Völkerrechts und der Menschenrechte in Israel und den palästinensischen Gebieten als „antiisraelisch“ oder „antisemitisch“ abgetan werden.
Wir zeigen nun den Film “No Other Land“. Das ist ein palästinensisch-israelischer Dokumentarfilm. Er gibt uns Einblicke in den Alltag der Menschen im Westjordanland. Der Film ist gemacht von einem palästinensisch-israelischen Kollektiv. Die vier jungen Leute sind: Basel Adra, Hamdan Ballal, Yuval Abraham, Rachel Szor.
Sie verstehen ihren Film als einen Ausdruck kreativen Widerstands auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit. Der Film bezieht seine Kraft vor allem daraus, wie unumstößlich sie an ihre gemeinsame Form des gewaltfreien Widerstands glauben. Direkt danach findet das Filmnachgespräch mit unseren zwei Gästen statt, das Peter Meiwald moderieren wird.
Ich wünsche uns einen erkenntnisreichen Abend - mit neuen Fragen und auch neuen Einsichten.

Die Sendereihe
Werkstatt Zukunft produziert monatlich eine TV-Sendereihe, die bei Oldenburg eins und bei weiteren Bürgersendern ausgestrahlt wird. Über unsere Website und unseren YouTube-Kanal sind unsere Videos zeitlich und räumlich unbegrenzt zu sehen.
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Werkstatt Zukunft ist eine Initiative der Zivilgesellschaft im Nordwesten in Zusammenarbeit mit Oldenburg eins und weiteren Bürgersendern, mit Schulen, Kultur- und Bildungseinrichtungen und vielen weiteren Partner:innen.

