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THEMEN > WIRTSCHAFT – GELD

Tauschen – schnippeln – reparieren

Von Andreas Büttner, August 2015

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Gestern war World Overshot Day, der Tag, an dem wir alle Ressourcen verbraucht haben, die unser Planet für ein ganzes Jahr zur Verfügung stellen kann - und es ist erst Mitte August! Dabei sollten wir bedenken, dass der Verbrauch außerordentlich ungleich verteilt ist: der wohlhabende Teil der Menschheit verbraucht die Ressourcen, auf die die Armen eigentlich Anspruch hätten, gleich mit.

Anlass genug, zu überlegen, was wir tun können und was immer mehr Menschen schon jetzt versuchen, um diesen Wahnsinn zu stoppen. Ein Blick auf die Oldenburger Szene macht Mut, auch wenn vieles noch am Anfang steht. Und an vielen anderen Orten gibt es ähnliche Initiativen.

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Da findet am Sonntag zum vierten Mal eine Tauschparty im Club Polyester statt, organisiert von der Initiative Oldenburg tauscht. Jeder kann gut erhaltene Liebhaberstücke mitbringen, von denen er sich trennen will, und mitnehmen, was er oder sie brauchen kann. Das geht ohne direkten Tausch – wenn man so will, ein großer Verschenkemarkt in angenehmer Atmosphäre bei selbst gemachtem Kuchen, Quiche und veganer Suppe.

Vor einigen Wochen hat eine Gruppe Studierender die Oldenburger Schnippeldisko aus der Taufe gehoben. Im Hof der Kulturetage haben Junge und Alte geschnippelt, was das Zeug hält: Gemüse, das sonst „entsorgt“ (welch ein Wort!) worden wäre wurde zu schmackhaften Gerichten verarbeitet und gemeinsam bei guter Musik verspeist – vielfältige Begegnungen inklusiv.

Das RepairCafé ist im Herbst des vergangenen Jahres beim Oldenburgischen Staatstheater eingezogen. Einmal im Monat wird das Probengebäude in der Baumgartenstraße auf allen drei Etagen zum Treffpunkt von bis zu 40 ehrenamtlich tätigen Reparateuren und einer manchmal kaum zu bewältigenden Anzahl von Leuten, die sich Hilfe beim Reparieren von Kleidung, Elektrogeräten oder was auch immer holen. Dazu gibt es Kaffee und Kuchen, Märchen und Geschichten, Seelenreparatur durch Schauspieler und wieder eine Vielzahl von Begegnungen mit alten und neuen Bekannten Video.

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Rädchen für alles leiht Lastenräder kostenlos (kleine Spende willkommen) aus – der Transport mit dem Fahrrad ist nicht nur kostengünstig sondern auch noch CO2-neutral: Gegenstände bis zur Größe einer Waschmaschine lassen sich so transportieren Video. Und wenn es doch mal ein Auto sein muss, ist Carsharing die Alternative zum eigenen Auto.

Alle diese Initiativen haben in den zurückliegenden Monaten und Jahren an Boden gewonnen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie den Wunsch nach Gemeinschaft, den Lebensstil der jungen und zunehmend auch der älteren Generation der urbanen Mittelschicht aufgreifen und befriedigen. Gut so!

Darüber sollten wir aber nicht vergessen, dass es schon lange Initiativen gibt, die eine ganz andere Entstehungsgeschichte haben, die nicht aus dem Leben im Überfluss, sondern aus Not entstanden sind. Ich denke dabei an die Hilfsangebote der Kirchen und Wohlfahrtsverbände, etwa an die Diakonieläden Kunterbunt in Eversten und Blaues Wunder an der Liegnitzer Straße – aber auch an das Möbellager oder das Bunte Kaufhaus. Flohmärkte und der klassische Second Hand Laden gehören ebenfalls in dieses Spektrum.

Auch hier werden Ressourcen schonend eingesetzt, indem Dinge ein zweites Mal verwendet werden – allerdings steht die Hilfe für Bedürftige dabei im Vordergrund. Das Potential dieser schon lange bewährten Einrichtungen für ein anderes Wirtschaften sollte noch viel stärker als bisher ins Bewusstsein kommen!

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Wussten Sie schon, dass Urban Gardening, das in Oldenburg etwa von Wurzelwerk praktiziert wird, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist - auch wenn es damals natürlich nicht so hieß? Video

Der Leipziger Armenarzt Dr. Schreber hatte täglich mit der Not, mit der Unternährung seiner Patient*innen zu tun. Da kam er auf die Idee, der verarmten Landbevölkerung, die das städtische Proletariat in der Zeit der von keinerlei Sozialstandards behinderten Industrialisierung bildete, die Möglichkeit zu bieten, eigene Lebensmittel anzubauen und Tiere wie Hühner oder Schweine zu halten. Der Schrebergarten war geboren. So kann Wurzelwerk in einer Kleingartenanlage in Uni-Nähe eine alte Tradition neu beleben. Wie man hört, haben klassische Kleingärtner, die längst nicht mehr ums blanke Überleben kämpfen, und Studierende inzwischen eine gemeinsame Basis gefunden.

Leihen statt besitzen, Ressourcen gemeinsam nutzen, ist auch das alte Prinzip der Bibliotheken und Stadtbüchereien. Da könnte man doch was draus machen: in den Niederlanden gibt es Ansätze, dass dort nicht nur Bücher, sondern auch Werkzeuge oder ähnliches ausgeliehen werden kann. Schließlich sind die Mitarbeiter*innen nicht nur Spazialist*innen für die Ausleihe, sondern auch für die Rücknahme der – so hoffen wir doch – pfleglich behandelten Gemeingüter, die hier zum Nutzen aller gemeinschaftlich genutzt werden.


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