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Günther Bachmann – Menschenwürdige Arbeit, starke Institutionen und Partnerschaften

Ammerländer Gespräche zur UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

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Prof. Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, im Gespräch mit Barthel Pester über die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen.

Bärbel Romey schreibt in einem Bericht für Engagement Global über die Veranstaltung mit Günther Bachmann:

„Man fragt sich, ob Nachhaltigkeit das wichtigste Thema ist?“ Viele Menschen in Deutschland fühlten sich überfordert - und jetzt käme auch noch dieses Weltthema! Prof. Dr. Günther Bachmann behauptet: „Das Gegenteil ist richtig: Wir unterfordern uns, was Nachhaltigkeit, was die Ziele der Agenda 2030 angeht.“ Der Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung forderte am Dienstag (4. September 2018) zum intensiven Austausch und Nachdenken auf. An der dritten Auftaktveranstaltung von Evangelischem Bildungswerk Ammerland und Engagement Global zu den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung im Evangelischen Gemeindehaus in Petersfehn nahmen gut 30 Interessierte teil.

Kreispfarrer Lars Dede, der den Abend moderierte, zeigte sich in seiner Begrüßung überzeugt, „dass diese vier Ziele, um die es heute geht, mit zu den Schlüsselzielen der gesamten Agenda 2030 gehören: Ziel 8, Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum; Ziel 9, Industrie, Innovation und Infrastruktur; Ziel 16, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen und Ziel 17, Partnerschaften zur Erreichung der Ziele.“

Anita Reddy, Bereichsleiterin Bildungsprogramme, Förderung Inland bei Engagement Global in Bonn, besuchte gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Christian Braun, Projektleiter bei Engagement Global, Außenstelle Hamburg, die Veranstaltung. „Besonders wichtig“ ist für Anita Reddy, viele Menschen „nicht nur in urbanen Räumen“ zu erreichen. Daher begrüße sie es, dass diese Veranstaltung in Petersfehn stattfinde.

Prof. Dr. Günther Bachmann referierte zu vier der 17 nachhaltigen Entwicklungsziele (engl. "Sustainable Development Goals" SDGs), die er mit zahlreichen Beispielen aus seiner alltäglichen Arbeit veranschaulichte. Die Logik aller 17 Ziele sei, dass sie nur zusammen funktionieren, nicht einzeln. „Ich glaube, dass wir viel mehr tun können“, betonte Prof. Bachmann. „Die 17 Ziele sind ein großer Meilenstein auf der internationalen Bühne“, doch plädierte er als Kern dieser Ziele für etwas, das so nicht in den 17 Zielen stehe, das aber für sie von grundlegender Bedeutung sei: Mut zur Hoffnung auf eine bessere Welt und das Vertrauen in die Kraft der Gegenseitigkeit. Er nannte dies quasi das 18. Ziel, die eigene bessere Zukunft im gelingenden Leben der Anderen zu verwirklichen.

Die Anzahl 17 mit den 169 Unterzielen sei letztlich ein zufälliges Ergebnis hoch ambitionierter Verhandlungen, bei denen erstmals in der Geschichte der Vereinten Nationen die zivilgesellschaftlichen Gruppierungen ein Mitspracherecht hatten. Er berichtete, dass in der Welt jetzt lebhafte Diskussionen und Überlegungen stattfänden, wie die SDGs umgesetzt würden. Zum Beispiel habe Togo die Ziele zur nationalen Strategie ernannt und Saudi-Arabien mache den Bau von Solaranlagen billiger als je zuvor und wolle dadurch die Unabhängigkeit von der fossilen Energie erreichen.

Auch Deutschland war unter den ersten der mittlerweile rund 120 Staaten, die bei der UNO über den Stand der Umsetzung berichtet hatten. Alle wollten dabei sein, mit einer so großen Beteiligung der Zivilbevölkerung wie nie zuvor. „Fortschritt hört heute auf die Bezeichnung SDGs.“

Die vom Bundeskabinett beschlossene „Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie“ setzt die 17 Ziele für Deutschland um. Auf nationaler Ebene wird ihr Erfolg anhand von 63 Indikatoren gemessen. Knapp bei der Hälfte sei Deutschland allerdings nicht auf der Zielgeraden. „Es fehlt das Zielmanagement bei den wichtigen und komplexen Zielen. Die Zielsetzungen könnten durchaus engagierter sein“, kritisierte Generalsekretär Bachmann.

Eine kluge Entscheidung nannte es Prof. Bachmann, dass sich in Deutschland die Bundesregierung mit ihrem Ausschuss von Staatssekretären sehr frühzeitig mit den 17 Zielen beschäftigt hatte. So sei erarbeitet worden, was für Deutschland zu tun ist, zum Beispiel bei den Themen Konsum und Massentierhaltung, bei der Gesundheit, gegen den Flächenfraß oder in den sozialen Bereichen.

Dass in Deutschland neues Denken und neue Bündnisse nötig sind, verdeutlichte der Experte am Bangladesch-Problem im Textilbereich, wo nach hunderten von Toten die deutsche Politik und die deutschen Unternehmen in einem Textilbündnis daran arbeiteten, dass sich solche katastrophalen Arbeitsbedingungen dort nicht wiederholen. „Solch ein Bündnis brauchen wir im Grunde auch hier gegen die schlechten Arbeitsverhältnisse. Denn auch wir haben Menschen, die in unwürdigen Arbeitsverhältnissen stehen.“ Auch mahnte er an, dass die deutsche Politik sich viel stärker für die Vereinten Nationen und den multilateralen Teil der Umsetzung der SDGs engagieren sollte.

Das Thema Wirtschaftswachstum erklärte der Referent am Beispiel des Atommüll-Lagers Asse: Er beschrieb die Szenarien mit eintretendem Wasser in dem alten, undichten Salzbergwerk und nannte die viel zu lange Aufbewahrungszeit an diesem unsicheren Standort. „Und all das nennen wir Wirtschaftswachstum.“

Nach dem Vortrag äußerten die Besuchenden ihre Meinung und stellten Fragen. Insbesondere beschäftigte die Menschen im Ammerland Themen wie Massentierhaltung, Landwirtschaft und Wegwerfmentalität. Gesetze sollten mehr regeln, wurde gefordert. Bachmann verdeutlichte am Beispiel von Biogasanlagen, dass Fehler in der „gut gemeinten gesetzlichen Regulation“ nicht zu Nachhaltigkeit geführt habe. Durch die Aufnahme von Gülle in solche Anlagen sei plötzlich mehr statt weniger Massentierhaltung möglich. Die Verweise mancher Diskutanten darauf, dass sich „die Gesellschaft“ erst ändern müsse, bevor es vorangehe, konterte er mit der Frage: „Wo ist ‚Gesellschaft‘, dort draußen oder auch hier in diesem Raum?“ Umdenken beginne eben zu Hause.

Rat für Nachhaltige Entwicklung

Prof. Dr. Günther Bachmann leitet die Geschäftsstelle des Rates für Nachhaltige Entwicklung seit dessen erster Einsetzung 2001. Als Generalsekretär treibt er das Nachhaltigkeitsdenken in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft voran und koordiniert die Arbeit des Nachhaltigkeitsrates. Seine Arbeit sei relevant für die Lebenswirklichkeit und treibe ihn immer noch an. Vor 2001 war Bachmann im Umwelt-Bundesamt für technische Fragen des Bodenschutzes und der Umweltsanierung tätig. Damals erschien es ihm häufig als verkopft und unzugänglich, wie das Thema Nachhaltigkeit diskutiert und bearbeitet wurde. Er sei „genervt“ gewesen, wenn er als Bodenökologie-Experte immer nur zu Details gefragt wurde, aber eine andere Sicht auf das gesamte Herangehen nicht einbringen konnte. Seit der Übernahme seiner jetzigen Aufgabe änderte der Experte einige Grundelemente der Nachhaltigkeitspolitik: Sie solle den Menschen zugewandt und nicht mehr so verkopft sein. „Es gibt Raum für Kreativität. Das positive Denken gewinnt an Wirksamkeit. Immer entsteht Neues, wir setzen auf eigenverantwortliches Engagement.“

SDGs im Ammerland – Das Projekt

Im Rahmen der Ammerländer Gespräche zur UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung entstehen insgesamt vier Interviews mit den Gästen der Reihe. Hier stellen wir Ihnen weitere Interviews vor:

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Wolfgang Obenland – Globale Nachhaltigkeitsziele vor Ort umsetzen
Armut – Gesundheit – Bildung – Sauberes Wasser: Das sind die Themen zum Auftakt der Ammerländer Gespräche zur UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Obenland im Gespräch. September 2018 | Themenseite

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Ruth Gütter – Landwirtschaft, Gleichstellung und Konsum. Barthel Pester im Gespräch mit Dr. Ruth Gütter, Oberkirchenrätin und Referentin für Nachhaltigkeit bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Umsetzung der Globalen Nachhaltigkeitsziele. September 2018 | Themenseite


Weitere Informationen zur Veranstaltungsreihe des Ev. Bildungswerkes Ammerland finden Sie auf der Seite zum ersten Interview der Reihe, in dem Barthel Pester mit Wolfgang Obenland spricht | mehr